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26.04.2016

30 Jahre Tschernobyl - und für Tihange immer noch kein Notfallplan in Sicht

Heute vor 30 Jahren ereignete sich die schwere Atomkatastrophe von Tschernobyl. Bei einem Test der Notfallsysteme war die Reaktorsteuerung außer Kontrolle geraten. Der Reaktor explodierte, der radioaktive Fallout erreicht Tage später auch Westeuropa. Die meisten von uns können sich an dieses Ereignis und die konkreten Folgen auch vor Ort sicher noch gut erinnern.

Nach einer 2011 veröffentlichten Studie der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW sind mehr als 112.000 Menschen bei der Katastrophe und den danach notwendigen Aufräumarbeiten gestorben. Für ganz Europa prognostizierte die Organisation damals bis in das Jahr 2056 hinein rund 240.000 zusätzliche Krebsfälle wegen Tschernobyl.

Aktuell muss eine neue Schutzhülle über den Trümmern des Unglücksreaktors gebaut werden. Dieser neue Sarkophag soll in den nächsten hundert Jahren die noch immer austretende Strahlung reduzieren und irgendwann auch die Bergung des Atommülls möglich machen. Vier Jahre haben Arbeiter unter erhöhter Strahlenbelastung an diesem gigantischen Bauwerk gearbeitet. Die Kosten werden auf rund 2 Milliarden Euro geschätzt.

Thema Sicherheit von Atomreaktoren heute im Bürgerforum

„Heute, am 26. April 2016 jährt sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zum 30. Mal. An diesem Jahrestag steht im Aachener Bürgerforum bezeichnenderweise die Sicherheit von Atomreaktoren im nahen Belgien auf der Tagesordnung“, schlägt Sabine Göddenhenrich, umweltpolitische Sprecherin der Aachener GRÜNEN den Bogen in die Gegenwart.

„Wir sprechen heute über den Katastrophenschutzplan der Stadt Aachen und die Verteilung von Jodtabletten, weil wir letztlich selbst mit den Erfahrungen von Tschernobyl und Fukushima noch ein weites Stück von einem Europäischen Atomausstieg entfernt sind. Im Gegenteil, in Tihange und Doel laufen zwei Reaktoren, die Tausende Risse aufweisen, deren Kühlwasser vorgewärmt werden muss aus Sorge vor einer Explosion des Reaktorbehälters bei einem Störfall.“

Fragen der Bevölkerung werden nicht ernst genommen

Die Bevölkerung ist besorgt, es gibt nach wie vor zu viele offene Fragen. „Wir wollen, dass diese Fragen wenigstens ein Stück weit beantwortet werden. Ich verweise noch einmal auf die Resolution, die der Rat der Stadt am 20. Mai letzten Jahres einstimmig verabschiedet hat, und in der es heißt:

Tihange stellt für Aachen und Umgebung eine ernste Gefahr dar. Bei größeren Unfällen könnten kilometerweit Mensch und Umwelt durch die radioaktive Kontamination belastet, die gesamte Region unbewohnbar werden. ….. Deshalb appelliert der Rat an die belgische Regierung, die Betriebsgenehmigung für das Kraftwerk Tihange zurückzunehmen.’

Nachdem sich nun unter anderem das Bürgerforum ein Jahr mit der Frage des Katastrophenschutzes im Umfeld atomtechnischer Anlagen befasst hat, bleibt festzustellen: „Es gibt keinen ausgearbeiteten Katastrophenschutzplan der Verwaltung. Es gibt keine Lösung in dem Dilemma bei der Verteilung von Jodtabletten. Das Innenministerium lehnt die flächendeckende prophylaktische Verteilung an die Haushalte ab. Die Stadt sieht sich nicht in der Lage, die Verteilung im Ernstfall zu organisieren.“

Abschalten - und Vorbereitungen für den Ernstfall treffen

Und all dies nicht zusammenpasst und es auch keinen wirklichen Schutz vor radioaktiver Strahlung gibt, gibt es nur eine vernünftige Lösung: „Die Atomkraftwerke müssen abschaltet werden, und zwar alle – weltweit. Und doch, solange das nicht so ist, wollen und müssen die Bürgerinnen und Bürger natürlich wissen, was im Ernstfall zu tun ist. Wenn man die durchaus reale Gefahr erkannt hat, will und muss man sich natürlich vorbereiten“, so Göddenhenrich.

Deswegen fordern die Aachener GRÜNEN nach wie vor die Vorverteilung von Jodtabletten an die Haushalte. Deswegen braucht es auch klare Ansagen an die Bevölkerung. Die Ärzte gegen den Atomkrieg informieren in Veranstaltungen über Atemmasken und Schutzanzüge, über Wirkung und Nebenwirkung von Jodtabletten.

„Es wäre allerdings auch die Aufgabe der Stadt Aachen, die Information der Bevölkerung in die Hand zu nehmen“, übt Göddenhenrich deutliche Kritik. „Kurzfristig muss zumindest gewährleistet werden, dass Jodtabletten zur Verteilung in Kindertagesstätten und Schulen bereit liegen. Zur Abgabe von Tabletten an die Kinder bedarf es der Information und auch der Zustimmung der Eltern sowie der Schulung des Betreuungs- und Lehrpersonals. Wir sehen es als Aufgabe der Schulverwaltung an, in den Schulen allgemein für eine umfassende Information zu sorgen. Die Kinder bekommen die öffentliche Diskussion über Tihange und die Risiken durchaus mit, in der Schule muss darüber gesprochen werden.“

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