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01.06.2016

Anton Hofreiter: Industrielle Landwirtschaft und die weltweiten Folgen

Anton Hofreiter über die Auswirkungen von Massentierhaltung und industrieller Landwirtschaft.

Die Moderation des Abends übernahm Karin Schmitt-Promny MdL.

Der Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/DIE GRÜNEN im Deutschen Bundestag sprach in Aachen über die Auswirkungen von Massentierhaltung und industrieller Landwirtschaft. Die hat fatale Folgen auf ökologischer, ökonomischer und sozialer Ebene.

Konzentriert, ruhig und immer an der Sache orientiert: So sprach Anton Hofreiter am Mittwoch, dem 25. Mai, im Couven-Museum vor vollem Haus über „Industrielle Landwirtschaft und Fleischproduktion aus Massentierhaltung“. Sein Buch zum Thema „Fleischfabrik Deutschland“ ist dieser Tage druckfrisch in den Buchläden zu finden. Ausgehend von den (Miss-)Verhältnissen in Deutschland, weitete Anton Hofreiter im Vortrag stets den Blick auf die globalen Zusammenhänge. Seine Kernaussagen: Die Landwirtschaft ist kein kleiner Teilbereich, sondern eins der zentralen politischen Themen der nächsten Jahrzehnte. Es ist unmittelbar verknüpft mit großen Themen wie:

  • Klimakrise (inkl. weltweites Artensterben, Zerstörung von Ökosystemen)
  • Artengerechte Tierhaltung / Verbraucherkennzeichnung
  • Antibiotikaresistenzen
  • Verteilung von Fördermitteln, Preispolitik
  • Internationale soziale Ungerechtigkeit

Klimakrise
Die Landwirtschaft trägt – global gesehen – 15-25% Prozent zur derzeitigen negativen Klimaentwicklung bei. Einzigartige Ökosysteme wie das Amazonasgebiet werden durch extensive Bewirtschaftung und großflächige Rodungen zerstört. Damit einher geht ein weltweites Artensterben. „Wir stehen an der Schwelle zur nächsten Aussterbekatastrophe, 30% der Arten in Deutschland sind bereits gefährdet“, so der promovierte Biologe Hofreiter. Einen nicht unerheblichen Anteil an der Zerstörung der Ökosysteme trägt die gewerbliche industrielle Tierhaltung, die nicht nur in Deutschland täglich riesige Mengen an Fleisch produziert.

Artengerechte Tierhaltung / Verbraucherkennzeichnung
Zur industriellen Tierhaltung stellt Hofreiter fest: „Die Ställe sind kein schöner Anblick. Schweine werden zu Zehntausenden auf „Spaltenböden“ gehalten, die Tiere sehen ihr Leben lang kein Sonnenlicht, riechen keine frische Luft, kennen keine Suhlen, keine frischen Pflanzen. Sie können sich auf den glatten Böden nicht gut bewegen, entwickeln keine Muskeln, sondern nur fettes Fleisch. Aus Tierschutzgründen besteht hier dringender Handlungsbedarf!“ Auch andere Tiere leiden, die Bilder sind ausreichend bekannt: Masthühner, das Schreddern von männlichen Küken, kupierte Schnäbel, abgeschnittene Ringelschwänzchen…. Die Liste ist so lang wie schrecklich.

„Was uns in Deutschland fehlt, ist eine Verbraucherkennzeichnung, wie wir sie etwa bei Eiern durchgesetzt haben. So könnte jede/r für sich entscheiden: kaufe ich jetzt dieses Fleisch von dem Tier, das unter qualvollen Bedingungen gezüchtet wurde. Oder entscheide ich mich vielleicht doch anders?“

Antibiotikaresistenzen
Antibiotika werden flächendeckend in der Tiermast eingesetzt und dem Futter untergemischt. Aufgrund der riesigen Anzahl von Masttieren in den Betrieben ist das anders nicht möglich. „Das ist hochproblematisch, vor allem der Einsatz von so genannten Reserveantibiotika. Die werden dadurch in ihrer Wirksamkeit entwertet“, erläutert Anton Hofreiter. „Wir rutschen ins postantibiotische Zeitalter, viele Krankheiten können wir nicht mehr vernünftig bekämpfen, wenn sich Resistenzen bilden. Unsere Forderung ist daher klar: Den Einsatz von Reserveantibiotika in der Tiermast verbieten, und zwar umgehend!“

Zum Thema: Risiken und Nebenwirkungen in der Massentierhaltung

Fördermittel / Preispolitik
5 Mrd. EUR Subventionen erhalten die deutschen Bauern Jahr für Jahr, doch es hilft alles nichts: Auch konventionellen Landwirten geht es so schlecht wie nie. Kein Wunder, etwa bei einem Gewinn von zwei Cent pro Masthühnchen. Schlimmer noch in der Milchproduktion: 20 Cent gibt es derzeit pro Liter, die Produktionskosten liegen bei 40 Cent. Selbst im professionellsten Betrieb lohnt sich das nicht mehr. „Hier gehen reihenweise Existenzen kaputt“, so Hofreiter. Der Druck im Weltmarkt ist groß, in Deutschland stehen zudem nur vier große Händler den Milchbauern gegenüber und diktieren die Preise.

Internationale Gerechtigkeit
„Die tödliche Spur des Sojas“ nennt Hofreiter die Futterproduktion für die Masttiere: Da Deutschland nicht genügend Flächen für den massiven Bedarf an Futterpflanzen (hauptsächlich Soja) hat, wird vor allem in Südamerika produziert: Riesige Rodungen finden vor allem in Brasilien, Argentinien und Paraguay statt, wo große Flächen formal dem Staat gehören. „Die indigene Bevölkerung und die Kleinbauern, die das Land zuvor bewirtschafteten, haben oft keine formalen Besitztitel. Großgrundbesitzer kaufen also Land vom Staat und vertreiben die Leute“, erläutert Hofreiter, der noch im Herbst in Brasilien war. Gehen sie nicht, so wird ein Todesschwadron geschickt; Vergewaltigungen und Ermordungen sind die Folgen.

„Gehen die Leute dann immer noch nicht – wohin auch? – werden Basta-Flugzeuge eingesetzt. Spritzflugzeuge mit Totalherbizid fliegen über Dörfer und Felder und töten alles pflanzliche Leben ab – außer den gentechnisch veränderten Pflanzen.“ Dann weichen sie endlich, denn ihre Lebensgrundlage ist endgültig zerstört. In der Folge werden gentechnische veränderte Pflanzen in rauen Mengen angebaut, denn schließlich möchten viele Menschen regelmäßig ein billiges Stück Fleisch auf dem Teller haben.

Aus den deutschen Mastbetrieben übrigens landen nur die attraktiven Stücke auf unseren Tellern, etwa Brustfleisch oder Keulen vom Hühnchen. Das „Restfleisch“ wird kostengünstig nach Westafrika exportiert, dieser Deal ruiniert die einheimische Landwirtschaft: „70% der Landwirtschaftsbetriebe allein in Ghana haben bereits aufgegeben“, so Hofreiter. „Damit produzieren wir selbst auch Landflucht und Flüchtlinge – eben jene Menschen, die hier als „Wirtschaftsflüchtlinge“ niedergebrüllt werden.“ Die ethische Frage ist also – neben den ökologischen und ökonomischen Aspekten, ein ganz zentrales Thema.

Was aber können wir tun? Lösungsansätze:

  • Menschen nachhaltigen Konsum einfacher machen. Biofleisch zu kaufen ist das eine, aber eine verständliche Kennzeichnung beim Fleisch wäre schon ein sehr großer Schritt!
  • Den Anbau von Soja- und anderen Futterpflanzen, der auf Basis von Landvertreibung stattfindet, per Gesetz unterbinden.
  • Fördermittel gerechter verteilen, öffentliches Geld für öffentliche Leistung: Gelder in Tier-, Natur- und Landschaftsschutz investieren.
  • Transformation: Wir brauchen eine veränderte Art zu wirtschaften. Wir brauchen vernünftige gesellschaftliche Regeln, um unsere Lebensgrundlagen zu erhalten. GRÜNE müssen Mehrheiten für diese Veränderungen suchen und durchsetzen! 

Abschließend fasste Toni Hofreiter zusammen:
„Wir sind mit die Hauptverursacher für die genannten Katastrophen und dürfen nicht vergessen: Am härtesten trifft es immer die Ärmsten – in jeder Gesellschaft, weltweit! Deshalb gibt es für uns auf europäischer Ebene und im Bund viel zu tun, aber auch in der Weltgemeinschaft. Daran arbeiten wir in der Hoffnung, dass wir diese Themen noch rechtzeitig in den Griff kriegen. Genau wie beim Atomausstieg wird uns auch der Ausstieg aus der Massentierhaltung gelingen. Nicht von heute auf morgen, aber Schritt für Schritt. Jeder einzelne kann sich auch lokal und vor Ort auf ganz verschiedenen Ebenen dafür einsetzen.“

Teil der Reihe „Nachhaltige Ernährung“
Darauf wies auch die Moderatorin des Abends, Karin Schmitt-Promny MdL, hin: „Jede Kaufentscheidung ist letztendlich auch eine politische Entscheidung. Jede/r einzelne von uns kann ein kleines Stück zu weniger Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur beitragen.“ Das ist auch das Leitmotiv der Arbeitsgruppe „Nachhaltiger Konsum“ der Aachener GRÜNEN. Die Veranstaltung mit Toni Hofreiter war Teil einer von der AG um Aachens Ratsfrau Lisa Lang und Parteigeschäftsführerin Susanne Küthe organisierten Reihe zum Thema „Nachhaltige Ernährung“, die am 10. Juni mit einer Hofführung auf dem Demeterhof Gut Wegscheid und einer Einführung in das Thema „Solidarische Landwirtschaft“ ihren Abschluss findet.

» Videomitschnitt der Veranstaltung auf youtube

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