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30.05.2014

Europa: Stark nach außen, behutsamer nach innen

Der Karlspreisträger 2014: Herman Van Rompuy. ©Stadt Aachen

Der Karlspreis 2014 ging an Herman Van Rompuy, Präsident des Europäischen Rates. Klares „Ja“ zu Europa in den Reden der Premiers von Moldau, Iurie Leancă, Georgien, Irakli Gharibaschwili, und der Ukraine, Arsenij Jazenjuk. Deutliche Worte Richtung Russland. Proteste vor dem Rathaus zeigen Zerrissenheit.

Vertonte Haikus vom Preisträger, kompakte Reden der Laudatoren und eine durchaus kritische Sicht Van Rompuys auf das europäische Wahlergebnis und Russlands Rolle im Ukraine-Konflikt: So könnte man die diesjährige Karlspreis-Veranstaltung zusammenfassen.

In allen Reden wurde deutlich, dass die Werte eines geeinten Europas – Stabilität, Demokratie, Freiheit, Menschlichkeit – von existenzieller Bedeutung für das weitere Zusammenwachsen der Gemeinschaft sind. „An den Rändern Europas zeigt sich, wie europäische Integration funktioniert“, meinte Moldaus Premierminister Iurie Leancă. Während der georgische Premier Gharibaschwili sich kurz hielt, lieferte Leancă einen begeisterten Appell pro Europa ab und endete mit einem überschwänglichen Lob für Van Rompuys Arbeit.

EU muss an Stärke gewinnen

„Die drei Premierminister haben sehr eindrucksvoll formuliert, welche Bedeutung ein starkes Europa für ihre Länder und die Menschen dort hat“, kommentiert Hermann Pilgram, GRÜNER Ratsherr und Mitglied im Karlspreisdirektorium. „Das fand ich umso eindrucksvoller, weil ja innerhalb der EU das vereinte Europa bei vielen an Attraktivität verloren hat und nationalistische Tendenzen sehr stark sind. Ich glaube allerdings auch, dass die EU erst wieder an eigener Stärke gewinnen muss, um diese Hoffnungen erfüllen zu können.“

Vertane Chance für die Ukraine

Die Rede des Ukrainers Arsenij Jazenjuk war wohl mit der größten Spannung erwartet worden. In einer Presse-Stellungnahme im Vorfeld der Verleihung hatten die Aachener GRÜNEN ihre Erwartungen formuliert: „… dass der Premierminister [der Ukraine] die Chance ergreift, an diesem Tag und an diesem Ort zu den Themen Frieden, Freiheit und Menschenrechte zu sprechen. Das sind Werte, für die der Karlspreis steht.“

„Die Chance, den Konflikt im eigenen Land für uns transparenter zu machen, den Willen zu mehr Demokratie und zu einem friedvollen Einigungsprozess ganz klar zu zeigen, diese Chance hat Jazenjuk nicht genutzt“, meint Helmut Ludwig, Geschäftsführer der GRÜNEN Ratsfraktion. In seiner Rede habe er zwar Richtung Russland sehr deutlich gemacht, dass keine neuen Mauern in Europa gezogen werden dürften und niemand das Recht habe, Grenzen zu verletzen. Dennoch habe man erwartet, dass ein Staatschef, in dessen Land kriegerische Verhältnisse herrschen, sich deutlicher erklärt.

Wie gespannt die Lage ist, zeigten auch die Proteste vor dem Rathaus: Zwei Protestlager standen sich unversöhnlich gegenüber und lieferten sich Wortgefechte – Unterstützer der Maidanbewegung auf der einen, Kritiker der Politik von EU und USA gegen Russland auf der anderen Seite.

Sich heimisch fühlen in Europa

„Europa geht nur mit Frieden“, schloss Van Rompuy in seiner Dankesrede. Gleichfalls zog er Bilanz aus der Europawahl und meinte selbstkritisch mit Blick auf die Ergebnisse: „Die Wählerinnen und Wähler haben uns gezeigt, dass es ein großes Bedürfnis nach Sicherheit, nach einem Europa als ‚Heimat‘ gibt.“

Europa eröffne zwar große Freiräume und Möglichkeiten, doch ebenso müsse Europa auch stärker ein Zuhause werden für die Menschen; ein Ort, an dem sich die Europäerinnen und Europäer sicher und heimisch fühlen. „Hieran müssen wir noch viel mehr arbeiten, wir müssen Raum und Ort verbinden, stärker nach außen und behutsamer nach innen auftreten.“

» GRÜNE Stellungnahme im Vorfeld der Verleihung

» Karlspreisträger Herman van Rompuy

» Begründung des Karlspreisdirektoriums

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