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04.11.2015

Don Quichotte auf Rädern

Wer gestern Abend nicht im Apollo war, hat etwas verpasst: BIKES versus CARS (2015), ein Film des schwedischen Regisseurs Fredrik Gertten, zeigt den globalen „Windmühlenkampf“ der Radfahrer gegen die mächtige Autolobby und Ölindustrie. Mühsam und oft frustrierend – doch hier und dort zeigen sich erste Erfolge in den Megacities dieser Welt … Wir lassen Fakten sprechen:

SÃO PAULO, Brasilien: In São Paulo stirbt in jeder Woche ein Radfahrer. Weiße „Geisterräder“ mahnen an den Stellen, an denen Menschen von Bussen, LKW oder Autos überfahren wurden. 20 Mio. Einwohner besitzen über 7 Mio. angemeldete Autos. Pendler stehen jeden Tag drei Stunden im Stau. Es gibt keine Radwege. 60% der bebauten Fläche sind für Autos, nicht für Menschen. Wer in São Paulo Rad fährt, tut dieses mit Todesverachtung. Doch eine kleine, starke Truppe gibt nicht auf. In Zusammenarbeit mit einem mutigen Bürgermeister erreichen sie einen ersten Sieg: 2014 wird ein Radwegenetz bis zu 400km (das ist das Ziel, aktuell ca. 350km) markiert, 40.000 Parkplätze verschwinden über Nacht.

LOS ANGELES, USA: L.A. ist DIE weltweite Autostadt. Nirgendwo ist die Lobby so stark wie hier. 70% der gesamten Stadtfläche in L.A. besteht aus Straßen und Parkraum. Im Vorfeld einer zweitägigen Sperrung der Hauptverkehrsader, der zehnstreifigen Interstate 405, wurde von Behörden und Politik Stimmung gemacht wie im schlimmsten Katastrophenfall. „Bleiben Sie unbedingt zuhause, versuchen Sie unter keinen Umständen, in andere Stadtteile zu kommen. Nichts geht mehr!“ Ein CARMAGEDDON wurde ausgerufen, Weltuntergangsszenarien machten sich breit. An dem Wochenende selbst bot sich ein Bild des Friedens: Leere Straßen, klare Luft, Ruhe – und die Radfahrer genossen ihr persönliches Paradies – CARMAHEAVEN. Auch in L.A. gibt es eine unbeirrbare Bewegung: Die „Midnight Ridazz“, Teil der CRITICAL MASS, erobern einmal im Monat die nächtliche Stadt: Bis zu 2.000 Menschen sind regelmäßig dabei und zeigen, dass Mobilität jenseits von SUV, Pickup und Hummer möglich ist.

IRVINE, Kalifornien: Wer hat den größten, dreckigsten, lautesten? Jeden Samstag treffen sich alternde Männer in karierten Bermudas in Irvine zum „Cars & Coffee“. Sie fahren mit ihren Porsches und Bugattis vor, mit berühmten Rennwagen oder unbezahlbaren Oldtimern. Ein mächtiger Automobil-Manager ist in Irvine stets dabei, er sagt: „Natürlich wollen alle diese Menschen auch gute Luft. Natürlich wollen Sie nicht, dass das Klima sich wandelt. Aber wohin auch immer sich die Autoindustrie entwickelt, eins sage ich Ihnen: Den Benzintank wird es immer geben, darauf werden wir niemals verzichten!“ Was er hingegen bedauert: „Leider kommen nicht so viele junge Leute, sie interessieren sich nicht mehr so für Autos.“ Gib mir ein Zeichen der Hoffnung, Hallelujah!

Über TORONTO, Kanada, sprechen wir lieber gar nicht, sondern erwähnen nur Rob Ford, Bürgermeister bis 2014, der die Verkehrspolitik der Stadt diktatorisch steuerte. Aus wikipedia, abgerufen am 4.11.2015: „Im Jahr 2007 forderte er, die Straßenbaumaßnahmen zugunsten von Radfahrern stark einzuschränken, da Straßen nun einmal für Autos und Busse gedacht seien; kämen Radfahrer bei Unfällen ums Leben, so seien sie selbst schuld.“ Wir haben uns umgehend in ihn verliebt. Über seine kleinen Fehler wie Trunkenheit am Steuer, Anwendung von Gewalt gegenüber seinen Mitarbeitern oder Crack-Rauchen sehen wir deshalb auch larmoyant hinweg. Nobody’s perfect!

BOGOTÁ, Kolumbien: 8 Millionen Menschen bevölkern die Stadt, für die meisten von ihnen ist das Auto ein Zeichen von Wohlstand, von Selbstverwirklichung, der Traum vom Aufstieg in die Mittelklasse. Wer ein Auto besitzt, grenzt sich ab gegen die unerbittliche Armut, die in vielen Stadtvierteln herrscht. Die Krankenhäuser sind voll von Kindern und alten Leuten, die unter den Folgen der schlimmen Luftverschmutzung leiden. „Wir müssen  bei den Kindern anfangen, wenn wir ein Umdenken erreichen wollen“, sagt eine Sprecherin der Initiative Bicicleta Educativo, die sich zum Ziel gesetzt hat, den Anteil des Radverkehrs zu steigern, zu informieren und zu schulen. „Die Kinder finden es toll, sie lieben die Bewegung und genießen die Freiheit auf dem Fahrrad. Daran werden sie sich auch als Erwachsene noch erinnern.“ Langsam, ganz langsam fasst die Fahrradkultur in Bogotá Fuß.

Und dann natürlich KOPENHAGEN, Dänemark: Neben Amsterdam wohl DAS Radfahrerparadies auf Erden. Dazu müssen wir nicht viel sagen, die Bilder von breiten Fahrradstraßen, Ampelschaltung zugunsten der Radfahrer und vom flächendeckenden System von Leihfahrrädern kennt wohl jeder. In Kopenhagen gibt es mehr Fahrräder als in den gesamten USA. Ein resignierter Taxifahrer bringt es aus Sicht der Autofahrer auf den Punkt: „Sie sind überall, vorne, hinten, oben, unten. Wenn du in Kopenhagen überleben willst, musst du sie einfach gewähren lassen…“ Länder wie Dänemark oder die Niederlande haben keine eigene Autoindustrie. Hier sieht man, was möglich ist, wenn die Auto-Lobby nicht da ist und sich Mobilität frei nach den Bedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger einer Stadt entwickeln kann.

Übrigens: CRITICAL MASS AACHEN trifft sich an jedem letzten Freitag im Monat um 18 Uhr am Elisenbrunnen in Aachen zu einer Tour durch die Stadt. Neugierige sind stets willkommen!

„Bikes versus Cars“ lief in der Reihe HINGESCHAUT! – eine neue Filmreihe der Aachener GRÜNEN in Kooperation mit Apollo Kino & Bar.

Beim kommenden Termin am 8.12.15, 20.15 Uhr zeigen wir FEDERICOS Kirschen, eine liebenswerte Komödie mit einem ernsthaften Thema. Es geht um die Liebe zur Natur und um deren Schönheit, aber auch um ein Schlüsselthema unserer Zeit: Wie gehen wir mit unseren Ressourcen um? Wir treffen auf den Bauern Federico (Celso Bugallo), der im Schatten eines gigantischen Kraftwerks lebt und den Kampf gegen die Dreckschleuder aufnimmt.

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